...möchte ich meine Freude ausdrücken, dass die Zusammenarbeit ... immer so unglaublich freundlich und unkompliziert vonstatten geht. Da habe ich immer Lust anzurufen. Das schon seit so vielen Jahren...

Markus Zapp / Singer Pur / November 2014

Anstoß zum lustvollen Nachdenken

Höfliche Singles, sagt Erlinger, haben 73 Prozent mehr Chancen auf Sex. Richtig oder Falsch?

Das Gewissen hat spitze kleine Zähne. Manchmal beißt es sich so hartnäckig an einer Stelle fest, dass man Rat braucht. Dann steht Rainer Erlinger bereit. Der promovierte Mediziner und Jurist hilft seinen Lesern im Magazin der Süddeutschen Zeitung jede Woche durch große und kleine Seelennöte. Er schreitet die Wundränder der Gewissensbisse ab, legt den Entzündungsherd frei und bietet lindernde Pflaster an. Am Donnerstag knöpfte er sich die Höflichkeit vor, bei einer Veranstaltung von Kartenhaus Kollektiv, Evangelischem Bildungswerk und Buchhandlung Dombrowsky.

Die Gegenwart feiert Werte wie Durchsetzungskraft, Meinungsstärke, Authentizität. Wer seine Ellbogen einzusetzen weiß, bekommt den Erfolg und den Applaus. Offenbar gibt es aber auch ein Sehnen nach sanfter Höflichkeit. Das Thema zieht; das stickige Auditorium des Thon-Dittmer-Palais war an diesem Frühlingsabend bis nachts um halb elf vollständig besetzt.

Rainer Erlinger startet mit einer Finte in die Veranstaltung, die ein Zwitter aus Lesung und lässigem Zwiegespräch mit Moderator Ingo Kübler vom Kartenhaus ist. Höfliche Singles, sagt Erlinger, haben 73 Prozent mehr Chancen auf Sex, Höflichkeit hebt außerdem Karriereaussichten und Gehalt. Die Studien, die der Autor zitiert, klingen einleuchtend – sind aber Fake. Geschenkt! Höflichkeit zahlt sich aus.

Die „wertlose Tugend“, wie Erlingers aktuelles Buch sie im Untertitel nennt, hat durchaus ihren Wert, der schließlich auch in Zahlen verifizierbar wird. Die Patientenzufriedenheit in Kliniken etwa, in denen das Personal die Kranken bei einer Begegnung anblickt und grüßt, steigt jedenfalls messbar. „Die Galle auf Zimmer 5“ wird ein Mensch.

An der Grenze zur Lüge

 

Höflichkeit ist als Schmiermittel der Gesellschaft und als sozialer Kitt verwandt mit der Lüge. „Soll ich höflich oder ehrlich sein?“ Die provokante Frage formuliert den Zwiespalt. „Mr. Gewissensfrage“ gibt der Wahrheit den Vorzug, würde sie aber höflich verpacken. Im Einzelfall meint er auch: Es kommt darauf an.

Wer einem Rollstuhlfahrer die Tür aufhält, handelt eher moralisch als höflich. Wer der Nachbarin, die mit Einkaufstüten bepackt ist, beispringt, verhält sich eher freundlich als höflich. Und wer für den Chef die Klinke drückt, pfeift womöglich auf Höflichkeit und will sich nur anbiedern. Rainer Erlinger vermisst das Wesen einer heute gering geschätzten Tugend. Er seziert, manchmal fast überambitioniert, die Trennlinien zu Galanterie, Benimm, Konvention, Fürsorge, Kalkül oder Etikette.

Erlingers Gedankengebäude ist bisweilen erschütterbar. Ohne eine grundsätzliche Bereitschaft zu Freundlichkeit zum Beispiel wird die Höflichkeit nur halbherzig zu praktizieren sein. Hinterfragen kann man auch sein Verhältnis zu Anstand. Weil der Mörder Heinrich Himmler den Begriff in seiner „Posener Rede“ vom 4. Oktober 1943 verpestet hat, geht Erlinger auf Abstand zum Anstand. Damit sperrt er ein missbrauchtes Wort in den Giftschrank. Das ist ein bisschen so, wie das Messer zu ächten, das für die Tat benutzt wurde.

Plaudereien aus dem Jahr 1904

 

Wie lang darf eine Tischrede längstens dauern? Wie verhindere ich, zum dritten Mal dem gleichen Gast vorgestellt zu werden? Und: Darf ich sagen, wenn mir ein Geschenk nicht gefällt? Der Ethik-Berater verweigert einfache Antworten und er denkt gut nach. Sein Buch ist kein Katalog an Faustregeln, die geschmeidiges Auftreten schenken, und keine Sammlung von Vorschriften für tadellose Umgangsformen, sondern eine behutsame Anleitung. Die Kernbotschaft ist einfach und wahr: Achte dein Gegenüber, schau auf seine Bedürfnisse und Wünsche.

Manche Weisheiten hat man bei Asfa-Wossen Asserate und seinem Buch „Manieren“ (2004) amüsanter und eleganter gelesen. Und viele Einsichten sind nicht sehr neu, wie die „Etikette-Plaudereien“ von Eustachius Graf Pilati aus dem Jahr 1904 bezeugen, die Erlinger wieder entdeckt und neu herausgegeben hat. Der Wert von „Höflichkeit“ liegt woanders: Es gibt Anstoß zum lustvollen Nachdenken, über Begriffe, die wir uns neu aneignen, wenn wir sie ins Licht gehalten und von allen Seiten betrachtet haben.

Am Ende applaudiert das Publikum im Thon-Dittmer-Palais gar nicht höflich – sondern lange, innig und begeistert.

Text: Marianne Sperb, Foto: Uwe Moosburger, Mittelbayerische Zeitung 7. April 2017

Ein aktuelles Interview mit Rainer Erlinger finden Sie hier.

 

 

 

 
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